Geschichte
Wussten Sie, dass Bergführer einst Wegweisertafeln zerstörten, um ihr Geschäft zu schützen? Oder wieso der Bund veranlasste, alle Signalisationen der Wanderwege zu entfernen?
Tauchen Sie ein in die bewegte Geschichte von Wanderwege Graubünden: Von den ersten Pinselstrichen Emanuel Meissers im Jahr 1907 bis hin zum heutigen Wegnetz von 11'000 Kilometern. Eine Zeitreise durch Pioniergeist, Krisen und den Mut, die Berge für alle zugänglich zu machen.
Die Entwicklung des Bünder Wanderweges
Eine Geschichte von Weitblick, gesetzlicher Verankerung und der ständigen Verantwortung für 11.000 Kilometer
Eine Geschichte von Weitblick, gesetzlicher Verankerung und der ständigen Verantwortung für 11.000 Kilometer
Die 11.000 Kilometer markierten Wanderwege in Graubünden sind das Rückgrat des Bündner Tourismus. Sie sind mehr als nur Infrastruktur: Sie sind das Ergebnis eines jahrhundertelangen Pioniergeistes, der in Graubünden begann – lange bevor der Wandertourismus existierte. Unsere Geschichte ist eine Abfolge von mutigen Entscheidungen, gesetzlichen Meilensteinen und der Gründung einer Organisation, die heute an der Spitze des modernen Wanderwesens steht.
1. Die Pionierphase (1864 – 1930): Von Bergführern, Chaos und der Farbe Gelb-Orange
Die Geschichte des organisierten Wanderwesens beginnt in Graubünden bereits im 19. Jahrhundert.
1864 – Der frühe Impuls: Die Sektion Rätia des SAC wurde gegründet mit den Zielen der Erforschung der Alpen, der Erschliessung des Hochgebirgslandes durch Markierung und Wegbau, sowie der Erstellung von Unterkünften. Im Jahr 1873 reichte die Sektion bereits eine Eingabe an den Kleinen Rat ein, um Wegweiser an den wichtigsten Strassenpunkten anzubringen.
1907 – Die erste Markierung: Angesichts des boomenden Fremdenverkehrs beschloss der Verband der Bündnerischen Verkehrsvereine 1907, eine einheitliche kantonale Wegmarkierung einzuführen. Emanuel Meisser, ein erfahrener Bergsteiger, wurde zum Oberleiter dieses Mammutprojekts bestimmt. Bei der Mustermarkierung Lenzerheide–Arosa im September 1907 wurde das Zeichen Weiss-Rot-Weiss festgelegt. Allerdings wurde die Markierung selbst anfänglich als Gelborange ausgeführt.
Widerstand und Stillstand: Meissers Arbeit war von Frustration geprägt. Bergführer befürchteten Verdiensteinbusse , und Kurorte wollten ihre Gäste innerhalb ihrer Grenzen halten. Tafeln wurden mutwillig demoliert. Dennoch waren bis Ende 1909 bereits 852 Kilometer Wanderwege markiert. Zwischen 1914 und 1918 kam die Arbeit kriegsbedingt zum völligen Stillstand, da die Wege für militärische Zwecke genutzt wurden.
1930 – Die Systematisierung: R. Boner-Blaser, der Inlandpropagandachef des Verkehrsvereins für Graubünden, bemühte sich erneut um die Markierung. Er arbeitete ein einheitliches Markierungssystem aus, das gelb für Wanderwege und weiss-rot-weiss für Gebirgsrouten definierte. Zudem erstellte er einen Plan für ein gesamtes Wanderwegnetz in Graubünden, der später für die ganze Schweiz übernommen wurde.
2. Die Aufbauphase (1934 – 1986): Nationale Norm und Bündner Eigenständigkeit
Die 1934 gegründete Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege (SAW) übernahm die von Graubünden entwickelten Markierungskonzepte und führte die gelben Wegweiser national ein.
- 1939 – 1945 – 2. Weltkrieg: Um den möglichen Invasoren keine Orientierungshilfe zu geben, wurde vom Bund die Entfernung aller Wegweiser angeordnet.
1944 – Organisation: Die erste Bündnerische Sektion der SAW wurde gegründet. Das Netz wurde in 21 Wanderbezirke eingeteilt.
1956 – Die BAW entsteht: Am 26. Mai 1956 erfolgte die Reorganisation zur Bündner Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege (BAW). Dies war ein entscheidender Schritt, um die komplexen Aufgaben in den Bündner Tälern eigenständig und effizient zu managen.
3. Die gesetzliche Verankerung und die Professionalisierung (Ab 1987)
Die Bedeutung der Wanderwege als öffentliches Gut wurde gesetzlich verankert, was die Arbeit professionalisierte.
1987 – Das Bundesgesetz: Das Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege (FWG) trat in Kraft und erklärte den Erhalt der Wanderwege zur nationalen Aufgabe der Kantone.
1988 – Die Umstrukturierung: Die Bündner Regierung trug dem FWG Rechnung, indem sie die kantonale Fachstelle für Fuss- und Wanderwege dem Bau-, Verkehrs- und Forstdepartement zuordnete. Die BAW wurde offiziell von der Regierung beauftragt, die Aufnahme und digitale Erfassung des Wanderwegnetzes (EDV) vorzunehmen. Dies führte zur Einrichtung einer ständigen Geschäftsstelle der BAW.
1989/1990 – Datenerfassung und Planung: Ein vollamtlicher technischer Leiter (T. Lampert) wurde eingestellt. Die Pläne im Massstab 1:25'000 wurden erstellt , und das digitalisierte Netz wurde im September 1990 von der Regierung als provisorisches Inventar bezeichnet.
Heute – Die Kompetenzstelle: Die BAW firmiert heute als Wanderwege Graubünden (WWGR). Als anerkannte kantonale Fachorganisation ist die WWGR vollwertiges Mitglied der Dachorganisation Schweizer Wanderwege. Im Auftrag des Kantons betreuen wir die digitalen Weg- und Wegweiser-Inventare und betreuen und beraten die Gemeinden bei ihren Aufgaben im Bereich Planung, Bau, Unterhalt und Signalisation von Wanderwegen. Im Weiteren sind die WWGR ein Wanderverein mit breitem Angebot für jedermann und jedefrau. Und auch in der Ausbildung sind die WWGR aktiv. Als Wander-Kompetenzzentrum bieten wir eine breite Palette an Ausbildungsangeboten, von den Kursen für Alle über die Ausbildung von ehrenamtlichen Wanderleiter:innen, bis zum Berufslehrgang Wanderleiter:in, in welchem wir unter dem Patronat der Schweizer Wanderwege berufsmässig tätige Wanderleiter:innen auf die eidgenössische Berufsprüfung vorbereiten.
Die Bündner als Pioniere (1864 – 1907)
Die Geburtsstunde der markierten Wanderwege
Mitte des 19. Jahrhunderts war das Hochgebirge der Alpen für Touristen ein Irrgarten. Wer sich ohne einheimischen Bergführer in Graubündens Bergwelt wagte, war verloren. 1864 trat die SAC Sektion Rätia an, um das Chaos zu bändigen.
Die erste grosse Vision: Wegweiser an den wichtigsten Strassenpunkten. Es war der Startschuss für eine Infrastruktur, die später einen ganzen Kanton – ja sogar das ganze Land – prägen sollte.
Krise & Widerstand (1908 – 1945)
Sabotage, Krieg und Stillstand
Der Weg zum lückenlosen Wanderwegnetz war keineswegs geradlinig. Die Pioniere kämpften an zwei Fronten: gegen die interne Sabotage und gegen die verheerenden Auswirkungen der Weltkriege.
Der interne Widerstand: In den frühen Jahren gab es massive Vorbehalte. Lokale Bergführer befürchteten, durch die Markierungen ihre Existenzgrundlage zu verlieren. Kurorte wiederum wollten ihre Gäste exklusiv innerhalb der eigenen Gemeindegrenzen halten und sahen in talübergreifenden Wegen eine Konkurrenz. Dies führte dazu, dass Tafeln und Markierungspfosten, wie am Septimerpass, regelmässig mutwillig zerstört wurden.
Der grosse Stillstand: Zwischen 1914 und 1918 kam die Arbeit kriegsbedingt zum Erliegen. Die Wege wurden ausschliesslich militärisch genutzt, Ressourcen für den Tourismus gab es nicht.
Die paradoxe Massnahme des Bundes: Ein einschneidendes Kapitel markiert der Zweite Weltkrieg. Um potenziellen Invasoren keine Orientierungshilfe im schwierigen alpinen Gelände zu bieten, ordnete der Bund die Entfernung sämtlicher Wegweiser an. Die Berge Graubündens wurden für Jahre offiziell "weglos".
Die Aufbauphase (1934 - 1986)
Nationale Standards und Bündner Wurzeln
In den 1930er-Jahren wurde die Bündner Pionierarbeit zum nationalen Massstab. Während Jakob Ess und Otto Binder 1934 die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege (SAW, heute Schweizer Wanderwege) gründeten, lieferte Graubünden das fachliche Fundament. R. Boner-Blaser, damals Inlandpropagandachef des Verkehrsvereins für Graubünden, hatte bereits die entscheidende Denkarbeit geleistet: Er entwickelte das System, das gelbe Wanderwege strikt von weiss-rot-weissen Gebirgsrouten trennte.
Dieses Konzept war so fundiert, dass die SAW bereits am Gründungstag die gelben Tafeln mit schwarzer Schrift als nationalen Standard festlegte. Graubünden lieferte die Blaupause, die SAW die Organisation für die gesamte Schweiz.
1956 erfolgte im Kanton die Reorganisation zur Bündner Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege (BAW), um die 21 Wanderbezirke Graubündens mit lokaler Verankerung wieder aufzubauen.
Weltweit einzigartig: Das Recht auf Wege: Die zunehmende Asphaltierung der Landschaft führte schliesslich zu einer historischen Bewegung: dem Kampf für die gesetzliche Verankerung. Dank einer Volksinitiative wurde das Wanderwegwesen 1979 in die Bundesverfassung aufgenommen. Seit 1985 regelt das Bundesgesetz über Fuss- und Wanderwege (FWG) die Planung und den Erhalt unserer Netze. Was in Graubünden mit Farbe und Mut begann, wurde so zu einem weltweit einzigartigen Verfassungsgut.
Der Bündner Wegweiser: Ein Unikat aus Reliefguss
Einzigartig in der Schweiz: Qualität, die man fühlen kann
Während in den meisten Kantonen flache Aluminiumtafeln mit Siebdruck verwendet werden, setzt Graubünden auf ein weltweit einzigartiges System: den Bündner Reliefguss-Wegweiser. Jedes der rund 43'000 Schilder im Kanton ist ein echtes Stück Wanderwegkultur, das weitgehend in Handarbeit gefertigt wird.
Geprüft auf Herz und Nieren
Unsere Wegweiser müssen extremen Bedingungen trotzen. Dass sie heute so widerstandsfähig sind, ist kein Zufall. Im Jahr 1990 wurden die Tafeln in der Werkstätte des Kantonalen Tiefbauamtes in Chur systematischen Belastungstests unterzogen. Unter dem Motto "Biegen und Brechen" prüften Experten die Stabilität bei senkrechtem Zug, Drehkraft und seitlichem Schlag.
Die Ergebnisse dieser Tests führten zu gezielten Optimierungen: Die Befestigungen wurden verstärkt und die Materialzusammensetzung so angepasst, dass die Tafeln selbst bei massiver Biegung nicht brechen.
Projekt "Biegen und Brechen"
Produktion eines Reliefgusswegweisers
Die einzelnen Schriftzeichen aus Messing werden in aufwändiger Handarbeit einzeln mit Bienenwachs auf Stahltafeln geklebt.
Nach dem Aufschmelzen der Aluminiumbarren im Spezialofen wird die flüssige Legierung zu den Gussformen gebracht.